Bear Family Records wird 30 Jahre (ein kurzer Rückblick)

Richard Weize erzählt, wie alles anfing: Wie viele seiner Generation, so war auch Richard in seiner Jugend zunächst Rock’n’Roll-Fan. „Meine erste Single war ‚Rock Around The Clock‘, Ende der 50er Jahre. Aber ich kam dann relativ schnell zur Country Music, über Leute wie Johnny Cash, Marvin Rainwater und Johnny Horton.“ Don Gibson und Jim Reeves verstärkten sein Interesse, und er begann, die Platten, die es in Deutschland nicht gab, über den Import-Service der Plattenfirmen aus den USA zu bestellen. Mitte der 60er ging er für mehrere Jahre nach England, und als er Anfang der 70er zurückkehrte, mußte er feststellen, daß es - trotz steigender Nachfrage - immer noch schwierig war, in deutschen Plattenläden amerikanische Country-Scheiben zu bekommen. Also begann er, professionell mit Importware zu handeln und machte sich mit der Zeit einen Namen als Country-Mailorder-Spezialist. 1975 produzierte er dann eine LP mit Aufnahmen des befreundeten Country-Sängers Bill Clifton - weitere Veröffentlichungen folgten, Bear Family Records war geboren.

Große Aufmerksamkeit erzielte die Firma 1978 mit unveröffentlichten Johnny-Cash-Aufnahmen - die LP rief bei Cash-Fans viel Begeisterung hervor und machte den Namen Bear Family einem größeren Publikum bekannt. Immer mehr LPs wurden von nun an veröffentlicht; man entwickelte das Konzept, historische Aufnahmen komplett und in der Reihenfolge ihrer Entstehung zu dokumentieren. In den 80er Jahren erschienen ganze LP-Serien, u.a. mit Einspielungen von Marty Robbins, Waylon Jennings, Lefty Frizzell oder den Sons Of The Pioneers. Aber auch aktuelle Künstler förderte Richard Weize, so etwa die Songschreiberin Hedy West.

Mit der Einführung der CD Mitte der 80er Jahre ging’s dann richtig los. Das digitale Format ermöglichte die angestrebte Perfektion der Tonqualität, außerdem konnten - verglichen mit Vinyl - größere Mengen Musik auf kleinerem Raum untergebracht werden. Bear Family war eine der ersten Plattenfirmen, die die Spieldauer einer CD voll ausnutzten: Man bekam maximale Leistung fürs Geld, und noch heute läuft kaum ein Bear-Family-Silberling weniger als 70 Minuten.

Seit Anfang der 90er Jahre erscheinen - teilweise in atemberaubendem Tempo - CD-Editionen unterschiedlichster Künstler. Längst beschränkt sich das Angebot nicht mehr ausschließlich auf Country: Bereits in den 80er hatte man erste Rockabilly- und Rock’n’Roll-Aufnahmen herausgebracht, später kamen u.a. Schlager, Kabarett, Beat und Folk hinzu. Das inhaltliche Spektrum wird permanent erweitert und reicht inzwischen von Kurt-Tucholsky- und Friedrich-Holländer-Liedern über politische Folk-Songs der 30er Jahre bis hin zu frühen englischen Vaudeville-Aufnahmen. Auch Jazz findet man im Bear-Family-Katalog; Live-Mitschnitte aus dem legendären „Cotton Club“ ebenso wie Aufzeichnungen vom Deutschen Jazz-Festival.

Welche Kriterien sind ausschlaggebend, was veröffentlicht wird? Richard Weize: „Ich veröffentliche ausschließlich das, was mich persönlich interessiert. Es ist natürlich schön, wenn die Sachen dann auch gekauft und gehört werden, und ich habe mich immer bemüht, auch kommerziell vielversprechende Projekte zu realisieren. Aber ich würde mich nie so weit verbiegen, daß ich nur wegen des zu erwartenden kommerziellen Erfolgs etwas veröffentliche, wo ich nicht voll dahinter stehen kann.“ Hat er zu Beginn seiner Laufbahn als Label-Chef damit gerechnet, daß die Firma je die Position erreicht, die sie heute einnimmt? „Darüber habe ich nie nachgedacht“, sagt Richard. „Wir haben uns immer bemüht, handwerklich gute Arbeit abzuliefern, und ich bin bis heute froh, wenn ich halbwegs davon leben kann. Reich wird man damit nicht - wir sind zufrieden, wenn am Ende des Jahres die Bilanz aufgeht und wir weitermachen können. Viel verdient haben wir nie, es ging nie ums Geld, sondern immer um die Sache. Wenn wir reich werden wollten, müßten wir andere Platten veröffentlichen, aber das kommt für uns nicht in Frage. Außerdem habe ich gar nicht die Zeit, mir über solche Fragen Gedanken zu machen - wir arbeiten ständig an neuen Projekten, da bin ich gut ausgelastet.“

Wir wünschen alles Gute für die nächsten 30 Jahre und wer den Artikel in voller Länge lesen möchte (4 Seiten), findet ihn im Print-Magazin "No Fences", aus dem wir diesen Auschnitt mit freundlicher Genehmigung übernommen haben.