
Als Vince Gill in den Neunzigern zu einem der populärsten Country-Stars überhaupt aufstieg, hatte er bereits fast fünfzehn harte Jahre im Music-Business hinter sich. Er begann als Bluegrass-Sänger und Multiinstrumentalist und erwarb sich erste Meriten als Mitglied der Country-Rocker Pure Prairie League. In den achtziger Jahren war er Teil des neuen traditionalistischen Flügels der Country-Musik, um danach massiven Erfolg als Fabrikant zeitgenössischer Country-Hits zu haben. Gill hatte zwar immensen Mainstream-Appeal, war aber andererseits ein so talentierter Songwriter und so tief im Country verwurzelt, dass er seine künstlerische Glaubwürdigkeit behielt und nicht als Lohnschreiber für den Crossover-Bereich gebrandmarkt wurde. Auf diese Weise wurde er zu einem Künstler, den die Jurys mit Awards auszeichnen konnten, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Dementsprechend viel Trophäen heimste Gill ein - er hat mehr CMA-Awards gewonnen als jeder andere Künstler, und mit seinen 14 Grammys liegt er unter den Country-Interpreten zusammen mit Chet Atkins ebenfalls an der Spitze.
Vincent Grant Gill wurde am 12. April 1957 in Norman, Oklahoma, geboren. Sein Vater, ein Richter, spielte Banjo und Gitarre, und auch Vince lernte als Teenager diese Instrumente. Später kamen noch Geige, Dobro, Mandoline und Bass hinzu. Als Gill auf der Highschool war, spielte er in der Bluegrass-Band Mountain Smoke, die sich immerhin genug lokale Reputation erspielte, um als Opening Act für die Pure Prairie League auftreten zu dürfen. 1975 machte Gill seinen Abschluss, zog nach Louisville und schloss sich dort der Band Bluegrass Alliance an, bei der er ein Jahr blieb. Danach spielte er kurz bei Ricky Skaggs' Boone Creek, bevor er sich nach Los Angeles aufmachte, wo er bei Sundance einstieg, der Band des Geigers Byron Berline. 1979 begleitete er einen Freund zu einem Probesingen bei der Pure Prairie League. Eigentlich war er nur neugierig, ob sich die Bandmitglieder noch an ihn und seine Highschool-Band erinnern würden, doch am Ende hatte ihn die League als neuen Leadsänger engagiert. Gill nahm mit der Band drei Alben auf, landete mit ihr einen Top-Ten-Hit ("Let Me Love You Tonight") und begann, für sie Songs zu schreiben.
1981 verließ er die Gruppe jedoch und schloss sich Rodney Crowells Backing-Band The Cherry Bombs an. Dort traf er Emory Gordy Jr. und Tony Brown, die später seine Soloplatten produzieren sollten. 1982 tauchte er auf dem David Grisman-Album "Here Today" auf, und ein Jahr später erhielt er dank seiner Verbindung zu Brown bei RCA einen Plattenvertrag als Solokünstler. Anschließend zog Gill mit Frau Janis (geborene Oliver, Mitglied bei den Sweethearts of the Rodeo) und ihrer kleinen Tochter nach Nashville. 1984 veröffentlichte er sein von Gordy produziertes Debüt-Minialbum "Turn Me Loose", auf dem seine Vergangenheit als Country-Rocker noch deutlich durchschimmerte. Seinen ersten kleinen Hit in den Country-Charts landete er in dieser Phase mit der Single "Victim of Life's Circumstance", die in die Top Forty einstieg. Im nächsten Jahr stand bereits die Nachfolge-LP "The Things That Matter" in den Läden. Ein Duett mit Rosanne Cash, "If It Weren't for Him", bescherte ihm seinen ersten Top-Ten-Hit, einen Erfolg, den er mit der nächsten Single "Oklahoma Borderline" wiederholen konnte. 1987 warf dann das Album "The Way Back Home" mit dem Top-Five-Smasher "Cinderella" seinen größten Hit für RCA ab. In dieser Zeit arbeitete er auch als Session-Gitarrist, schrieb Songs für andere Künstler und tourte mit Emmylou Harris.
1989 wechselte Gill von RCA zu MCA Nashville, wo er Tony Brown wiedertraf, der mittlerweile zu einem erfolgreichen Produzenten aufgestiegen war. Wenngleich er schon einigen Erfolg gehabt hatte, konnte man Gill zum damaligen Zeitpunkt nicht wirklich als Star bezeichnen. Mit seinem MCA-Debüt "When I Call Your Name" aus dem Jahr 1989 änderte sich dies jedoch grundlegend. Zwar kletterte bereits "Oklahoma Swing", sein Duett mit Reba McEntire, in die Top Twenty, der eigentliche Durchbruch gelang ihm jedoch mit dem Titelsong, der bis auf Position 2 stieg und Gill seinen ersten Grammy bescherte. Die Nachfolge-Single "Never Knew Lonely" konnte den Erfolg wiederholen und erreichte Platz 3, was wiederum den Verkauf des Albums ankurbelte, von dem schließlich über eine Million Exemplare abgesetzt wurden. Diese Entwicklung mag zumindest teilweise dafür verantwortlich sein, dass Gill das Angebot Mark Knopflers ablehnte, bei den Dire Straits einzusteigen. Das Nachfolgealbum "Pocket Full of Gold" (1991) erreichte ebenfalls Platinstatus und warf mit "Liza Jane", dem Titeltrack, "Look at Us" und dem Nummer-2-Smasher "Take Your Memory With You" vier Top-Ten-Singles ab. Das 92er Werk "I Still Believe in You" machte Gill dann endgültig zum Superstar. Die Titelballade wurde ein riesiger Hit und seine erste Nummer-1-Single, der er mit "Don't Let Our Love Start Slippin' Away" gleich die zweite folgen ließ. Das Album brauchte nur wenige Monate, um Platin zu erreichen, und warf weitere Hits ab: "One More Last Chance" und "Tryin' to Get Over You" stiegen ebenfalls auf Platz 1, "No Future in the Past" erreichte immerhin noch Position 3. Zudem bescherte ihm ein weiteres Duett mit Reba McEntire, "The Heart Won't Lie" aus ihrem Album "It's Your Call", 1993 eine weitere Nummer 1.
In den nächsten Jahren verkaufte sich "I Still Believe in You" über vier Millionen Mal. Ende 1993 schob Gill noch das Weihnachtsalbum "Let There Be Peace on Earth" ein, bevor 1994 das neue Studioalbum "When Love Finds You" erschien, mit dem er erstmals in die Top Ten der Pop-Charts einstieg. Auch diese LP verkaufte über vier Millionen Exemplare und enthielt mit "What the Cowgirls Do", dem Titelsong, "Whenever You Come Around", "Which Bridge to Cross (Which Bridge to Burn)" und "You Better Think Twice" gleich fünf Top-Five-Country-Hits. Gill war mittlerweile zu einer regelrechten Hitmaschine geworden, zeigte jedoch keine Ermüdungserscheinungen, sondern veröffentlichte 1996 mit "High Lonesome Sound" ein überaus ambitioniertes Werk. Auf diesem Album kehrte er zu seinen Bluegrass-Wurzeln zurück und streifte durch die verschiedenen Formen amerikanischer Roots-Music. Dies wurde zwar vielfach positiv vermerkt, insgesamt fielen die Kritiken aber durchaus gemischt aus. Kommerziell erwies sich das Konzept als durchaus tragfähig - das Album bescherte Gill weitere Hits, darunter die Top-Five-Singles "Worlds Apart", "Pretty Little Adriana" und "A Little More Love".
1998 veröffentlichte Gill dann die LP "The Key", die von allen Seiten begeistert aufgenommen wurde. Mit diesem Album, das musikalisch eine Rückkehr zum lupenreinen Country bedeutete, arbeitete Gill die Trennung von seiner Frau Janis Oliver auf. Das Country-Radio tat sich mit den Stücken des Albums aufgrund ihrer traditionellen Ausprägung zwar eher schwer - eine Ausnahme bildete lediglich der Top-Five-Hit "If You Ever Have Forever in Mind" - der LP verkaufte sich aber trotzdem sehr gut, erreichte Platinstatus und wurde überraschenderweise Gills erstes Album, das in den Country-Charts Platz 1 erreichte. Währenddessen erwiesen sich Gerüchte, Gill habe eine Beziehung mit der Pop-Sängerin Amy Grant, als zutreffend: Die beiden heirateten Anfang 2000. Gills nächstes Album, "Let's Make Sure We Kiss Goodbye", hatte größtenteils seine neue Liebe zum Thema und wurde von vielen Kritikern als zu sentimental empfunden. Es bescherte ihm mit "Feels Like Love" zwar einen weiteren Top-Ten-Hit, ging aber bei der Grammy-Verleihung trotz vier Nominierungen leer aus. Mit seiner nächsten LP "Next Big Thing" (2003), die er erstmals vollständig im Alleingang produzierte, hatte er die Kritiker dann jedoch wieder auf seiner Seite.
2004 tat sich Gill wieder mit Rodney Crowell zusammen, um die CD "The Cherry Bombs" auf den Markt zu bringen.
Trotzdem zieht sich Vince Gill weiter aus der Countryszene zurück, gibt so zB. auch die Moderation der CMA Awards ab. Erst durch die Einladung zu einem Konzert zusammen mit Eric Clapton zeigt ihm den Weg in seine Zukunft. Vor allem die Kreativität wacht wieder in ihm und er beginnt, geradezu besessen neue Songs zu komponieren. Als Resultat erscheint 2006 eine Box mit 4 CDs unter dem Titel "These Days". Nicht, wie sonst, eine Box mit alten CDs, sondern ausschliesslich neues Material. Die Fans, aber auch die Kritiker sind mehr als begeistert, obwohl es nicht zu einer kommerziell erfolgreichen Single kommt. Anfang 2008 gipfelt der Erfolg der Box durch die Auszeichnung mit dem Grammy.
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