Gene Watson

Honky-Tonk-Legend Gene Watson begeht den fünfzigsten Jahrestag seiner ersten Plattenaufnahme mit emsiger Betriebsamkeit.

"Im Augenblick ist er außerordentlich glücklich", so sein Manager John Lytle, Präsident der Lytle Management Group. "Er ist so engagiert bei der Sache. Offenbar war es genau der richtige Zeitpunkt, um in der Branche daran zu erinnern, was dieser Mann vollbracht hat und welche großartigen Songs von ihm stammen. Schon vor Jahren hatten wir geplant, seine größten Hits neu einzuspielen. Und dann kam uns die Idee, dass sein fünfzigjähriges Jubiläum der ideale Anlass wäre."

Auf dem Weg zu diesem Ziel galt es gleich zu Beginn zwei Hürden zu überwinden. Eine Eigentümlichkeit der Plattenindustrie besteht darin, dass Künstler Aufnahmen für große Labels zwar aus eigener Tasche bezahlen, die fertigen Aufnahmen jedoch dem Label gehören. Darüber hinaus waren Watsons große Hits aus den Jahren 1975 bis 1990 bei verschiedenen Unternehmen erschienen.

Um diese Probleme aus dem Weg zu räumen, nahm Watson seine Klassiker für sein eigenes Label auf einer Sammlung mit 25 Songs auf, die den Namen "The Best of the Best" trägt. Studiomusiker ließen die Original-Arrangements fast auf die Note genau wieder aufleben. Watsons Stimme ist nicht gealtert, und somit klingen diese Aufnahmen ganz genau wie die Originale - und Watson ist endlich "Eigentümer" seiner eigenen Hits.

"Sie sollten nach Möglichkeit genau wie die Originale klingen", erklärt er. "Ich danke dem Herrgott, dass er mir meine Stimme erhalten hat. Im Grunde habe ich die Noten jetzt sauberer getroffen als damals."

Dirk Johnson, der Produzent des Albums, setzte alle Hebel in Bewegung, um Musiker zu engagieren, die bereits an den Original-Sessions mitgewirkt hatten oder, sofern dies nicht möglich war, die diese Aufnahmen verstanden und mochten. Dass sie mit der Musik vertraut waren, machte es für alle leichter. Zudem hatte Johnson bestimmte Schlüsselstellen der älteren Aufnahmen mit Avid Pro Tools markiert, so dass sie direkt angesteuert und abgespielt werden konnten.

Darüber hinaus gelang es ihm, die Tonqualität zu verbessern, ohne dem Feeling der einzelnen Melodien Abbruch zu tun. "Damals spielten im Studio alle mit Verstärkern", erläuterte Johnson. "Da man heutzutage zumeist direkt aufnimmt, ließ ich diese Passagen nochmals über Verstärker laufen, wie sie damals verwendet wurden. Eine ganze Woche lang klang es, als sei ein Musiker bei mir, der immer wieder die gleiche Passage spielte - das waren aber nur die neuen Passagen für dieses Album, die über den Verstärker in ein Mikro gespielt wurden."

Zu den über 50 chartplatzierten Singles und 21 Top-10-Hits auf der neuen Sammlung gehören "Farewell Party" (aus der Feder von Lawton Williams), "Got No Reason Now for Goin' Home" (Johnny Russell), "Fourteen Carat Mind" (Dallas Frazier und Larry Lee), "Love in the Hot Afternoon" (Vince Matthews und Kent Westberry), "Memories to Burn" (Dave Kirby und Warren Robb), "Paper Rosie" (Dallas Harms), "Sometimes I Get Lucky and Forget" (Bobby Lee House und Ernie Rowell) sowie "Speak Softly (You're Talking to My Heart)" (Jessie Mendenhall und Steve Spurgin).

Im April feierte Watson sein neues Album mit einem Konzert in der Country Music Hall of Fame and Museum und spielte zweimal für den Radiosender Grand Ole Opry, wobei er allen Mitwirkenden der Sendung ein Exemplar von "The Best of the Best" überreichte. RFD-TV widmete Watson eine Ausgabe von "Larry's Country Diner". Unmittelbar vor dem Erscheinen des Albums im Februar nahm der Satellitenradiosender Sirius/XM ein Konzert sowie ein dreistündiges Interview mit ihm auf. Und Anfang Juni trat er mehrmals live im Rahmen des CMA Music Festivals auf.

"Es war einfach toll, ihm zuzuhören", so Lytle. "Gene selbst ist sich gar nicht darüber bewusst, wie spannend seine Geschichten sind und wie faszinierend sein Leben verlaufen ist. Die Zusammenarbeit mit jemandem, der auf eine solche Vergangenheit zurückblicken kann, ist wirklich faszinierend."

Watson nimmt seine bemerkenswerten stimmlichen Qualitäten als Selbstverständlichkeit hin. Alle sieben Watson-Kinder sangen, ebenso wie die Eltern. "Soweit ich mich erinnere, konnte ich singen, bevor ich sprechen konnte", erzählt er. "Schon als Kind brauchte ich einen Song nur zweimal zu hören und schon kannte ich ihn auswendig."

Gary Gene Watson, der 1943 in Palestine, Texas, geboren wurde, sang bereits von klein auf mit seiner Familie in Kirchen der Holiness Church. Sein Vater spielte Blues-Mundharmonika und Gitarre mit afroamerikanischen Feldarbeitern. Beide Eltern sangen in der Kirche und spielten Gitarre. In seiner Kindheit liebte Watson Blues, klassischen Gospel und die Country-Stars der 1950er Jahre.

Gene Watson

Selbst unter den härtesten Schicksalen in der Country Music gehört Watsons Geschichte zu den schlimmsten. Seine Familie zog von einer Hütte in die nächste, während sein rastloser Vater Gelegenheitsjobs als Holzarbeiter und Erntehelfer annahm. Watson arbeitete mit seinen Eltern und Geschwistern auf dem Feld. Ein "Zuhause" gab es für ihn nicht, bis sein Vater schließlich einen alten Schulbus als Wohnraum und Transportmittel herrichtete.

"Ja, wir waren arm", erinnert sich der Sänger. "Heutzutage wohnen manche Leute in Wohnmobilen. Unseres war gelb. Wir fuhren nach Arkansas, Oklahoma und Texas, bis mein Vater eines Tages beschloss, nach Phoenix, Arizona, zu fahren. Wir hatten kein Geld für die Reise nach Phoenix, daher schlugen wir uns mit Arbeit durch. Wir schnitten Spinat. Wir ernteten Rettich. Wir pflückten Kartoffeln. Wir pflückten Baumwolle. Wir nahmen jeden möglichen Job an. Ein anderes Leben kannte ich nicht."

Seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte er im Alter von 12 Jahren: ein Duett mit einer seiner Schwestern in einer Kirche der Pfingstgemeinde. Seine Country-Karriere begann, als er mit seinem Bruder Jessie ein Duo gründete. Damals war er 15 und Jessie 12.

Watson ging nach der neunten Klasse von der Schule ab, um seine Familie zu unterstützen. Er lernte, wie man Autokarosserien repariert - und arbeitete nun tagsüber mit Autos und nachts in Bars. Bis heute repariert er in seiner Freizeit Autos in seiner Werkstatt "Toy Shop" zu Hause in Houston, Texas. Durch örtliche Gigs gelang es Watson, sich eine regionale Fangemeinde aufzubauen, so dass 1962 schließlich seine erste Single veröffentlicht wurde.

"Meine allererste Aufnahme war bei einem kleinen, alten Independent-Label, Sun Valley Records", berichtet er. "Ich hatte vor, die Platten bei meinen Shows zu verkaufen. Die Titel hießen "If It Was That Easy" und "If You Can't Come, Just Call". Natürlich taugte sie nichts, aber ich war unglaublich stolz. Ich hatte meine eigene Platte."

"Dabei hatte ich nie das Ziel, professionell Musik zu machen", merkt Waston an. "Ich wollte immer mit Autos arbeiten. Ich sage immer, dass ich nie nach der Musik gesucht habe. Die Musik hat mich gefunden. Ich habe zum Spaß Musik gemacht. Mir gefielen das eiskalte Bier, die Runden mit dem Hut und die 15 Dollar pro Abend. Ich hätte nie gedacht, dass sich alles so entwickeln würde."

All das änderte sich, als die Wilburn Brothers 1964 in die Stadt kamen und Watson bei einer seiner Shows in einem Nachtclub hörten. "Sie sagten, sie hätten mich gerne als Begleitung für ein paar Shows", erzählt er. "So kam ich nach Nashville und fuhr mit ihnen nach North Carolina. Sie brachten mich zu Grand Ole Opry, und es gab Standing Ovations für mich und als Zugabe "It Is No Secret What God Can Do" sowie den Hank-Williams-Song "I Can’t Help It If I'm Still in Love with You". Danach schleppten sie mich in den Ernest Tubb Record Shop, und ich stieg auf die Bühne und spielte für "The Midnite Jamboree". Das war meine erste Erfahrung mit dem großen Geschäft. Damals war ich 21."

Dennoch war Watson noch nicht bereit, in die Music City zu ziehen. Zuhause in Houston konnte er mit seinem Gesang Geldgeber für mehrere Plattenaufnahmen gewinnen. Mit Singles für kleine Labels wie Resco und Wide World sowie einem Album für Stoneway Records aus dem Jahre 1972, das seinen Namen trug, machte er sich allmählich einen Namen. 1975 schaffte es Watson mit seinem Resco-Hit "Bad Water" erstmals in die landesweiten Charts. Nachfolger war die heißblütige, provokante Nummer "Love in the Hot Afternoon", deren landesweiten Vertrieb Capitol Records übernahm und Watson so zum Hitgaranten machte.

"Alles ging so schnell und verlief völlig ungeplant", gibt er zu. "Für mich kam immer eines nach dem anderen. Ich habe wirklich ganz unten angefangen. Ich hatte keine Ahnung, was ich da tat."

Nach fünf Jahren und 13 Hits bei Capitol war Watson drei Jahre lang bei MCA Records unter Vertrag. Bei diesem Unternehmen folgten ein Dutzend Hits, dann war er kurz bei Curb Records, bis er 1985 beim Label Epic unterschrieb. Die nächste Station war Warner Bros. Records, wo er in den 1990er Jahren landete.
Zu diesem Zeitpunkt war eine ganze Generation von Country-Sängern von diesem „Sänger der Sänger“ beeindruckt. Clint Black, Tracy Byrd, Tracy Lawrence, Doug Stone und George Strait zählen zu den erklärten Fans. Tim Mensy schrieb ihm einst: „Gene, danke, dass du uns beigebracht hast, wie man singt.“
Watson liebt es besonders, live mit Studiomusikern aufnahm. Oft singt er einen Song bereits beim ersten Take perfekt. Bei Auftritten im Opry versammeln sich die anderen Stars hinter den Kulissen, um seine Kunst in Aktion zu bewundern.

Darüber hinaus ist er auch als "Mann des Volkes" bekannt. Bescheidenheit und persönliche Größe zeichnen ihn aus: Gene Watson ist immer er selbst, ob im Rahmenlicht oder zu Hause. Trotz aller Ankerkennung, Bewunderung und allen Respekts bleibt er schlicht und aufrichtig.

Seit 1993 macht Watson unermüdlich Aufnahmen für Independent-Labels. Neue CDs erschienen 1993 ("Uncharted Mind"), 1996 ("The Good Ole Days") und 1997 ("Jesus Is All I Need und A Way to Survive").

Nach einer Krebsdiagnose unterzog sich Watson einem chirurgischen Eingriff und ließ 2000 und 2001 eine Chemotherapie über sich ergehen. Bemerkenswerterweise sang er die ganze Zeit über weiter und brachte 2001 ("From the Heart"), 2005 ("Then & Now"), 2007 ("In a Perfect World", mit den Sängern Mark Chesnutt, Vince Gill, Joe Nichols, Connie Smith, Rhonda Vincent und Lee Ann Womack als Gästen) und 2009 ("A Taste of the Truth") neue Sammlungen heraus. 2011 arbeitete er gemeinsam mit Vincent an der reinen Duett-Sammlung "Your Money and My Good Looks".

"Gene ist ein zeitloser Künstler", stellt Rowan fest. "Er singt aus tiefster Seele, sehr spirituell. Die meisten Größen in unserer Branche sind musikalisch gesehen nicht mehr auf dem Zenit. Er aber schon."

"Ich kann nur sagen, dass ich mich bemühe, meinen Job so gut wie möglich zu machen", fasst Watson zusammen. "Ich glaube, mein Erfolg hat zum Großteil mit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit zu tun. Ich mache nicht viel Wind. Ich sage die Dinge, wie sie sind."

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