Kenny RogersWer das Alte wertschätzen und gleichzeitig dem Neuen einen Raum geben kann, der erlebt doppeltes Glück. Diese "Weisheit" bestätigte sich einmal mehr auf der 21. Country Night in Gstaad vom 11. Und 12. September 2009. Sowohl Kenny Rogers wie auch die Newcomerband Lady Antebellum rissen die Besucher zu Begeisterungsstürmen hin.

Als erste deutsche Band erhalten Texas Lightning die Ehre, das prominente Festival im Berner Oberland eröffnen zu dürfen. Anstelle des Ende August überraschend zurückgetretenen Gründungsmitglieds Jon Flemming Olsen singt Malte Pittner. Als Gastmusiker mit dabei ist Nils "The Pedal King" Tuxon. Mit "Man of a Constant Sorrow" hat die Band in den bunten Outfits der 50-er Jahre schon mal die Freunde der traditionellen Countrymusik auf ihrer Seite. Leider bleibt dies der einzige Song aus der Countryecke. Danach folgen auf Countryinstrumente umgeschriebene Coverhits. Wohlgemerkt, alles Welthits mit Ohrwurmcharakter, wie beispielsweise "Eye of The Tiger" (Survivor), das Texas Lightning mit Banjo und Mandoline spielt. "Enjoy The Silence" (Depeche Mode) startet, nachdem galoppierende Pferde durch die Kaktuswüste gedonnert sind. Texas Lightning machen ihre Sache gut. Doch gut alleine reicht dem verwöhnten Gstaader Publikum eben nicht. "Ihr seid so artig", meint Olli Dittrich und Jane Comerford doppelt später nach: "Ihr sitzt so bequem, los auf die Beine". Doch der Funke will nicht so recht überspringen. Liegt es an den teilweise schiefen Tönen von Jane, der Textunsicherheit von Malte oder einfach an der (noch) fehlenden Harmonie? Nun, zuletzt wird die Band vom wohlwollenden Publikum dann doch mit stehenden Ovationen verabschiedet.

Lady Antebellum, Foto: Daniela Müller-SmitCharles Kelley und Dave Haywood von Lady Antebellum prosten sich nach ihrem Auftritt am Freitagabend mit Champagnergläsern zu. Charles feiert heute seinen Geburtstag. Derweil wischt sich Hillary Scott eine Freudenträne weg. "Nie im Leben hätte ich mit einem solchen Empfang gerechnet. Ich bin total überwältigt", sagt sie sichtlich gerührt. Obwohl die Newcomerband in den USA auf einer regelrechten Erfolgswelle reitet, ist sie dem Grossteil des Gstaader Publikums noch weitgehend unbekannt. Lady Antebellum schaffen es mit ihrer jugendlichen Frische, einer sympathischen Bühnenpräsenz und ihrem Gänsehaut bescherendem Harmoniegesang die Herzen des Publikums zu gewinnen. Im Gegensatz zu den Vertretern der Newcountry-Generation, die in vergangenen Jahren in Gstaad gespielt haben, gibt es weder bei der Tonqualität noch bei der Lautstärke etwas zu meckern. Alles passt einfach perfekt.

Lady Antebellum spielen sämtliche Songs ihres selbstbenanntes Debütalbums, das ihnen schon zu Preisen bei der ACM wie auch der CMA verholfen hat. Selbstverständlich fehlt mit "I Run To You" auch der erste Nummer-1-Hit der Band nicht "Charles, Dave und ich betrachten uns in erster Linie als Songwriter", sagte Hillary vorgängig in einem Interview. Und weiter: "Ich habe das Gefühl, ein höheres Level zu erreichen, wenn ich über meine eigenen Erfahrungen, über mein Leben und meine Beziehungen singen kann. Und, wir können uns sehr gut mit unseren Texten identifizieren, dies spürt dann auch das Publikum." An Intensität kaum zu überbieten ist die aktuelle Single "Need You Now", die Lady Antebellum auf Barstühlen sitzend in einer Akustikversion vortragen. Stehende Ovationen nach dem Song sind der gebührende Dank dafür. Bereits die Hälfte der Songs für ihr zweites, für 2010 geplantes Album hat die Band eingespielt. In der Zwischenzeit trösten sich die Besucherinnen und Besucher mit dem ersten Album, das bereits am Freitagabend komplett ausverkauft ist.

Kenny Rogers; Foto: Daniela Müller-SmitAuf einige Alben mehr kann der Stargast der diesjährigen Country Night in seiner über 50-jährigen Karriere zurückblicken. 105 Millionen verkaufte Alben, 22 Nummer-1-Hits, unzählige Musikpreise. Organisator Marcel Bach hält sich nicht lange mit dem Palmarès von Kenny Rogers auf. In einem Satz fasst er zusammen: "Ladies and Gentlemen, the Legend!". Ja, Kenny Rogers ist alt geworden, seine Stimme brüchig, seine Bewegungen zeitweilig wacklig. "Mein Ziel ist es nicht, dass ihr heute Abend rausgeht und verkündet, ich sei der beste Sänger", sagt Rogers gleich zu Beginn. "Nein, ich möchte, dass ihr nachhause fährt und sagt, ich hatte einen unterhaltsamen Abend". Um es vorwegzunehmen, es war ein höchst unterhaltsamer Abend und Rogers sang nicht alle, doch viele seiner Hits. Getragen von seiner hervorragenden 8-köpfigen Band präsentiert er "Ruby, Don't Take Your Love To Town", "The Gambler", "Daytime Friends", "Reuben James", "Coward Of The Country", "Buy Me A Rose". Und wenn die Stimme zu versagen droht, unterstützt ihn die Band auch gesanglich. Das Publikum nimmt es ihm nicht übel. Weshalb auch? Rogers hat alles erreicht, was es zu erreichen gibt, er muss niemandem mehr etwas beweisen. In flotten Sprüchen kokettiert er selbst mit seinem Alter.

Rogers, der vorgängig keine Interviews gab, zeigt sich im Konzert erstaunlich privat. "To Me" widmet er seiner Ehefrau Nummer fünf, Wanda, und seinen 5-jährigen Zwillingen Justin und Jordan. Während des Songs gewährt er dem Publikum einen Einblick ins Familienalbum. Auf der Grossleinwand werden Fotos seiner süssen Knirpse beim Spielen, beim Balgen, beim Küssen eingeblendet. Eine heile Familie? "Ich habe eine unglaubliche Karriere mit Songs über nichtfunktionierende Familien", scherzt Rogers und fügt hinzu: "es hat mich zur Konklusion gebracht, dass Männer eben vom Mars und Frauen von der Venus stammen". Das Gelächter im Saal sichert ihm weitere Sympathiepunkte. Mit "Lucille" nähert sich bereits das Showende. "Ich könnte jetzt das Mikrofon hinlegen, euch zuwinken, hinter den Vorhang verschwinden und so tun, als ob die Show vorüber sei", scherzt Rogers. Doch dazu habe er nach 30 Jahren "Lucille" keine Lust mehr. Je älter er werde, je weiser und ehrlicher sei er geworden. "Wisst ihr was? Erspart euch das Zugabeklatschen und mir die steilen Bühnentreppen". Sagts, und liefert ungefragt die vorbereiteten Zugaben "Lady" und eine uptempo-Version von "Islands In The Stream". Dann winkt er ins Publikum und lässt sich auch von den minutenlangen, stehenden Ovationen nicht mehr hinter dem Vorhang hervorlocken. Nun könnte man an dieser Stelle nörgeln, dass Rogers nur 60 Minuten gespielt hat – oder sich darüber freuen, dass die Legende während 60 Minuten bestes Entertainment geboten hat. Hier schliesse ich mich gerne dem Credo von Marcel Bach an: "den positiv denkenden Menschen gehört die Welt!"