Studio B; Foto: Country Music Hall of Fame Museum

Auch die Countrymusic hat ihre geheiligten Hallen und einer der am meisten geschÀtzten PlÀtze ist das RCA Studio B in Nashville, Tennessee.

Von außen wirkt das rechteckige BacksteingebĂ€ude am 1611 Roy Acuff Place ein wenig unscheinbar, mit Ausnahme der Schramme, die eine nervöse Dolly Parton mit ihrem Auto in die Wand gefahren hat, als sie dort fĂŒr eine ihrer frĂŒhen Aufnahmen vorfuhr. Dennoch dauerte es nach der Eröffnung des Studios nicht lange, bevor das GebĂ€ude als das "Haus der 1.000 Hits" bekannt wurde.

Die erste Aufnahme im Studio B fand im November 1957 statt. Dieser Meilenstein wird dieses Jahr von der Country Music Hall of Fame and Museum mit Tourpaketen, Live-Sendungen aus dem Studio, Aufnahme-Workshops und Diskussion gefeiert, die alle mit einer reichhaltigen Geschichte aufwarten können. Experten versuchen immer noch zu ermitteln, wer eigentlich der erste KĂŒnstler war, der hier eine Aufnahme einspielte, aber einige der frĂŒhesten Aufnahmen stammen von den Stanley Brothers und Don Gibson, dessen "Oh, Lonesome Me" der erste große kommerzielle Erfolg aus diesem Studio war.

Zum VermĂ€chtnis von Studio B gehören unter anderem Eddy Arnolds majestĂ€tisches StĂŒck "What's He Doing in My World?", Bobby Bares "Detroit City", "Cathy's Clown" von den Everly Brothers, Waylon Jennings "Only Daddy That'll Walk the Line", "Only the Lonely" von Roy Orbison, Dolly Partons "Coat of Many Colors", Elvis Presleys "Are You Lonesome Tonight", "Good Luck Charm", "It's Now or Never" und "Little Sister" sowie Welthits von Skeeter Davis, Donna Fargo, Don Gibson, Hank Locklin, Jim Reeves, Porter Wagoner und vielen anderen.

Ein GeschĂ€ftsmann aus Nashville, Dan Maddox, baute das GebĂ€ude und vermietet es an RCA Records, um dem Label und im Besonderen seinem jungen, angesagten Country-Produzenten Chet Atkins die Möglichkeit fĂŒr Aufnahmen zu geben. Den richtigen Schliff erhielt das Studio aber erst durch die besten Studiomusiker aus Nashville.

Foto: Country Music Hall of Fame and Museum
Obwohl die meisten von ihnen vom Land kamen, waren sie technisch erfahren und verfĂŒgten ĂŒber ein ausgeprĂ€gtes VerstĂ€ndnis der Musikgeschichte. Einige genossen sogar eine klassische Ausbildung, andere wiederum spielten in Jazzbands und waren geschickte ImprovisationskĂŒnstler, wenn sie ihren Ideen freien Lauf lassen durften. Und sie nahmen ihr Handwerk ernst und gaben bei jeder Session ihr Bestes.

"Sie haben sich von Anfang an mit dem Aufbau des Studios beschĂ€ftigt", so John Rumble, leitender Historiker der Country Music Hall of Fame and Museum. "Dadurch wussten sie, wie sie ihre Instrumente spielen mussten, um einen ausgezeichneten Sound fĂŒr den KĂŒnstler zu erzeugen, mit dem sie gerade spielten."

Am Sonntag Nachmittag veranstalteten die Musiker oft Picknick-Partys, in deren Mittelpunkt ein kaltes Fass Bier stand. Die Aufnahmen dieser Sessions von Chefingenieur Bill Porter zeigten, dass das Studio Probleme mit der "Lenkung der Wellen" hatte - es gab Stellen, an denen verstÀrkte KlÀnge von der Wand abprallten und sich aufhoben oder an denen die LautstÀrke plötzlich anstieg. Um das Problem zu lösen, fertigte Bill Porter kleine Pyramiden aus den akustischen Deckenplatten an und hÀngte sie in unterschiedlichen Höhen auf, um die Wellen zu brechen. "Die Studiomusiker nannten diese Pyramiden "Porters Pyramiden"," erinnert sich John Rumble.

Zur ersten Besetzung von Chet Atkins gehörten die Gitarristen Harold Bradley, Ray Edenton, Hank Garland und Grady Martin, der Bassist Bob Moore, die Pianisten Floyd Cramer und Hargus "Pig" Robbins, der Schlagzeuger Buddy Harmon, der Saxophonist Boots Randolph, das Harmonika-Ass Charlie McCoy und andere Musiker, deren Namen bei den mehr als 35.000 Songs genannt werden, die in den 20 Betriebsjahren im Studio B eingespielt wurden.

Die gleichen Musiker spielten fĂŒr gewöhnlich auch Aufnahmen in den Bradley Film and Recording Studios ein, die ĂŒber eine ausrangierte Armeebaracke verfĂŒgten und sich in der 16th Avenue South, nur einen Steinwurf vom RCA Studio B entfernt, befanden. Eigentlich wurde das Studio B als Konkurrenz zu den Bradley Studios gebaut, die Bradley und seinem Bruder, dem Produzenten Owen Bradley, gehörten. Sie betrieben das Studio von 1955 bis 1962, als Columbia Records die Baracke kaufte und sie bis 1982 weiter nutzte. Über die Jahrzehnte wurden in diesem Studio zahlreiche Hits von Johnny Cash, Patsy Cline, Bob Dylan, Merle Haggard, Burl Ives, George Jones, Brenda Lee, Loretta Lynn und Tammy Wynette aufgenommen.

"Ich glaube nicht, dass sich das Studio B bezĂŒglich des Klanges mit der Baracke vergleichen konnte", so Harold Bradley, der immer noch auf Sessions spielt und PrĂ€sident der American Federation of Musicians (AFM 257) der Ortsgruppe Nashville ist. "Die Baracke war sehr groß und mein VerstĂ€rker befand sich am hinteren Ende. Ich war also 10 bis 12 Meter von Patsy Cline entfernt, als wir dort "Crazy" aufnahmen, aber man konnte alles wunderbar verstehen. Und das war wichtig, da man zu dieser Zeit in den Studios noch nicht mit Kopfhörern arbeitete."

"Aber", fÀhrt er fort, "es war egal, ob wir in der Baracke oder Studio B aufnahmen: die Songs waren immer fantastisch und auf dem Band war immer der Gitarrensound, den ich mir vorgestellt hatte."

oto: Country Music Hall of Fame and Museum
John Rumble ist auch der Meinung, dass das Studio B kein außergewöhnlich konstruiertes Studio war. "Die Betonkonstruktion. Das war nicht besonders originell. Zwischen den Ingenieuren und den Musikern herrschte ein echter Kameradschaftsgeist. Sie waren sich bewusst, dass sie in Nashville etwas Besonderes leisteten und damit den Ruf der Stadt als Music City U.S.A. mit aufbauten."

Das Ergebnis dieser historischen Zusammenarbeit zwischen den Musikern, Ingenieuren, Produzenten und KĂŒnstlern macht den heute unter dem Namen "Nashville Sound" bekannten Klang aus.

Bis zu diesem Zeitpunkt definierte sich Country-Musik ĂŒber Kneipenmusik mit vielen Geigen und Gitarren, durch den vom Jazz inspirierten Sound des Western Swing, den hohen und einsamen Melodien der Bergbevölkerung oder Bluegrass. Mitte der 50er Jahre gingen die VerkĂ€ufe zurĂŒck, da Rock'n'Roll die jungen Hörer anzog. Daraufhin verpflichteten die Direktoren der Country-Label KĂŒnstler wie Carl Perkins, Elvis Presley und andere Rockabilly-KĂŒnstler, um in diesem aufkeimenden Markt Fuß zu fassen, wĂ€hrend hartgesottene Country-KĂŒnstler ihren Sound auffrischten und sich an den neuen Musikgeschmack anpassten.

Um die Popzuhörerschaft zu gewinnen - und, wie Chet Atkins spÀter im Scherz sagte, um ihre Jobs zu behalten - ersetzten er und Bradley die Geigen, die heulenden Pedal-Steel-Guitars und den altbackenen Gesang durch sanfte Streicher, Pianos aus Cocktail-Bars und Schnulzengesang, die sich an drei- oder vierstimmige Harmonien der Background-SÀnger anschmiegten.

1957 arbeitete Chet Atkins im Studio B genau nach dieser Formel, als er das eingĂ€ngige "Oh, Lonesome Me" von Don Gibson produzierte. Zwei weitere ĂŒberaus erfolgreiche Klassiker, "He'll Have to Go" von Jim Reeves und "The Three Bells" von den Browns, zeugten ebenso von den Wachstumsmöglichkeiten des Nashville Sounds im MusikgeschĂ€ft.

Studio B wurde als aktives Studio schon 1977 geschlossen, aber ab und zu finden dort noch einige Projekte statt, wie z.B. das Projekt Time (the Revelator) von Gillian Welch aus dem Jahr 2001. Aber das Studio wird noch lange nicht eingemottet. 2002 erwarb die Mike Curb Family Foundation das Studio von der Country Music Hall of Fame and Museum, der Dan Maddox das GebĂ€ude in den frĂŒhen 1990er Jahren geschenkt hatte. Das GebĂ€ude wird jetzt von dem Museum und der Belmont UniversitĂ€t aus Nashville als Touristenattraktion und Lehr-Studio vermarktet. Studenten des Mike Curb College of Entertainment and Music Business von Belmont können die klassische AusrĂŒstung aus erster Hand erleben, die jetzt um ein computerbasiertes Digidesign Pro Tools-System erweitert wurde, mit dem ausschließlich zweispurige MasterbĂ€nder gemischt werden.

Foto: Country Music Hall of Fame and Museum
"Unser Ausbildungsziel ist nicht nur, die AusrĂŒstung im Studio zu bewahren, sondern auch, die Geschichte der Tonaufnahmen zu vermitteln", erklĂ€rt der langjĂ€hrige Studiomanager von RCA Studio B, Michael Janas. "Bei uns erleben die Studenten buchstĂ€blich die gesamte Geschichte der Tonaufnahmen im Studio B. Sie beginnen mit einer 16-spurigen Aufnahme. Wenn sie soweit sind, ein Masterband zu mischen, erfolgt dies erst auf einem analogen, zweispurigen Viertelzollband und dann auf dem zweikanaligen Pro Tools-System. Dabei entdecken sie dann die Gemeinsamkeiten."

Außer dem Computer verfĂŒgt das Studio B ausschließlich ĂŒber OriginalausrĂŒstung oder GerĂ€te, die zu den Hochzeiten des Studios produziert wurden, einschließlich eines API-Aufnahmepults aus dem Jahr 1972, das an sich schon ein Klassiker ist. Das Aufnahmepult stammt aus einer mobilen Aufnahmeeinheit, mit der schon The Last Waltz von The Band, Peter Framptons "Frampton Comes Alive!" und "Rattle & Hum" von U2 und verschiedene Live-Mitschnitte von Fleetwood Mac und Neil Young mit Crazy Horse aufgenommen wurden.

"Die Musik, die in den spĂ€ten 1950ern und frĂŒhen 1960ern im RCA Studio B aufgenommen wurde, verĂ€nderte nicht nur die Country-Musik", sagt Michael Janas, "sie beeinflusste auch den Stil der Beatles und unzĂ€hlige andere KĂŒnstler. Wie wir in der westlichen Kultur Musik machen und erleben, wurde davon beeinflusst."