Rund drei Wochen lang tourt Kris Kristofferson derzeit solo/akustisch durch Europa. CountryMusicNews.de prÀsentierte den einzigen Termin in Deutschland: Im seit Wochen ausverkauften Schauspielhaus in Hamburg legte der 70-JÀhrige am 11. MÀrz 2007 einen legeren Auftritt hin. Mit rauhem Charme brummte er sich durch drei Dutzend Songs und belegte seinen Legendenstatus als begnadeter Songwriter. Allerdings offenbarten sich live auch einmal mehr Kristoffersons begrenzte QualitÀten als SÀnger und Performer. Drei Griffe, drei Gesangstöne. Objektiv betrachtet klang die Show monoton wie ein Mack-Truck im Leerlauf. Aber es kommt eben drauf an, wer hinter dem Lenkrad sitzt.

Kris KristoffersonDas Schauspielhaus ist mit seinen knapp 1.200 roten PlĂŒschplĂ€tzen und barocken Verzierungen einer der grĂ¶ĂŸten und schönsten TheatersĂ€le in Deutschland. Also genau richtig fĂŒr jemanden wie Kris Kristofferson, der einige der grĂ¶ĂŸten und schönsten Country-Songs aller Zeiten geschrieben hat. Schlank und ganz in schwarz gekleidet hob er sich nur durch sein silbergraues Haar, das im Scheinwerferlicht glitzerte, vom schwarzen Hintergrund ab. Akustikgitarre, Mundharmonika, eine gesunde Portion Selbstironie - mehr brauchte er nicht, um das Publikum zu gewinnen. "Mein neunjĂ€hriger, mexikanischer Pflegesohn hat mal zu mir gesagt, Papa Kris, deine Musik bringt mich zum Einschlafen", warf Kristofferson lachend nach der HĂ€lfte des Konzerts ein. Man wusste, was der Knirps gemeint hat. Das gepresste Brummen und der durchgehende Midtempo-Rhythmus konnten einen auf Dauer schon ins Reich der TrĂ€ume schicken. Aber genau da wollte man ja auch hin! In eine lĂ€ngst vergangene Zeit, als Kristofferson durch Protestsongs und sensible Balladen das LebensgefĂŒhl der Vietnam-Generation widerspiegelte.

"Busted flat in Baton Rouge, headin' for the trains...", gleich als Drittes kam "Me and Bobby McGee", Kristoffersons bekanntester Song. Im Laufe des Abends spielte er sie alle, darunter "Help Me Make It Through The Night", "For The Good Times", "Casey's Last Ride", "Lovin' Her Was Easier" und "Sunday Mornin' Comin' Down". Einige kommentierte er mit lakonischem Witz: "Nobody Wins" klinge verdammt nach der letzten PrĂ€sidentenschaftswahl in den USA, fand Kristofferson, der immer noch fĂŒr seine Ideale und Gerechtigkeit eintritt. "Bei uns, im Land der Freiheit, sitzen mehr Menschen hinter Gittern, als in jeder anderen Nation", leitete er seinen romantischen Knastsong "Best of All Possible Worlds" ein. NatĂŒrlich erinnerte er sich auch an seinen Freund Johnny Cash, "der letzte Woche 75 Jahre alt geworden wĂ€re". Nachdem Kristofferson die wĂŒtende Ballade "Johnny Lobo" gesungen hat, die das Schicksal des indianischen FreiheitskĂ€mpfers John Trudell beschreibt, fiel ihm ein, wie Cash zu dem Song immer backstage mitgeheult hatte wie ein Koyote, als sie auf Highwaymen-Tournee waren.

Kris Kistofferson - This Old RoadZwei einstĂŒndige Sets lang plĂ€tscherte der Abend ruhig vor sich hin. Ein Fluss aus drei Dutzend Songs, die bisweilen abrupt mit einem eilig nachgeschobenen "Thank You" endeten. Kristofferson zupfte und schrammelte und begleitete sich etwas schnappatmig auf der Mundharmonika ("I ain't Bob Dylan, but it's all we've got"). Doch auch wenn ihm hin und wieder die Luft ausgegangen sein mochte. Seinen Biss hat er noch lange nicht verloren, wie die grandiosen StĂŒcke des phĂ€nomenales Comeback-Albums "This Old Road" bewiesen, die er grĂ¶ĂŸtenteils im zweiten Sets unterbrachte. Etwa den Titelsong, oder die bittere Abrechnung mit Krieg, Armut und Ungerechtigkeit "In The News", und "Wild American", das ebenfalls John Trudells Kampf wĂŒrdigte. In "Pilgrim's Progress", einer Nabelschau des KĂŒnstlers und sowas wie die Fortsetzung von "The Pilgrim: Chapter 33", lautet die erste Zeile: "Am I young enough to believe in Revolution?" Als Kris Kristofferson sie singt, brandet Jubel auf. Mit seiner Haltung, seinen Songs und seinen Kommentaren im Saal hatte er die Frage lĂ€ngst selbst beantwortet.

Überhaupt fĂŒgten sich die neuen StĂŒcke nahtlos in den Abend ein und kamen genauso gut an wie die Klassiker. Eine BestĂ€tigung mehr, dass dem Country-Poeten tatsĂ€chlich noch einmal ein großer Wurf gelungen ist. In "Final Attraction", einem der schönsten StĂŒcke seiner aktuellen CD, heißt es: "Come on boy, get back up there, you can do it one more time (...), go break a heart". Damit brachte er das Konzert auf den Punkt. Denn das haben die Zuschauer (unter den GĂ€sten: Tom Astor mit Frau, Volker Lechtenbrink, Gunter Gabriel und Manfred Vogel von der GACMF) erwartet und bekommen: jemanden, der die Gabe besitzt, ihre Herzen zu berĂŒhren - und der mit dem Herzen singt. Das war denn auch wichtiger als stilistische Bandbreite und Vokalakrobatik.